Der Bogen ist dabei weit gespannt: vom Rhythmus-Feuerwerk der Ausnahme-Perkussionistin Vivi Vassileva über Max Mutzke, den musikalischen Jongleur zwischen Pop und Jazz, bis hin zum letzten großen Auftritt einer Königin, den Mechthild Großmann aus Stefan Zweigs „Maria Stuart“ vorträgt. Dazu all das, was die
KULTURKRAFTTAGE auszeichnet: Nähe zwischen Künstlern und Publikum, Bühnengespräche, ein nahezu kammermusikalisch intimer Vorakkord mit Kontrabass solo und zum großen Finale die traditionelle Matinee.
Den Auftakt am Donnerstag macht im Cosy Forum Dieter Ilg, der sonst mit Till Brönner oder Thomas Quasthoff auf der Bühne steht – hier ganz allein mit seinem Kontrabass. Am Samstagvormittag gewährt Rhani Krija beim Kulturgespräch zur Marktzeit im Foyer der Sparkasse Einbeck Einblicke in sein künstlerisches Leben. Der Perkussionist aus Marokko, der bereits mit zahlreichen Weltstars wie Sting, Annie Lennox, Herbie Hancock, Plácido Domingo oder Herbert Grönemeyer gearbeitet hat, ist seit der ersten Ausgabe Teil des Matinee-Ensembles um Julia Hansen, Heikko Deutschmann, Jörg Siebenhaar und Thomas Zander.
Das Ensemble hat am Sonntag das letzte Wort, mit Briefen, die nie für die Öffentlichkeit bestimmt waren und hier im besonderen Ambiente der KULTURKRAFTTAGE davon erzählen, wie zwei große Literaten zwischen Klassik und Romantik um Liebe, Eigenständigkeit und ihr Miteinander ringen: Sophie Mereau und Clemens
Brentano. Dazu erklingt Mozart, wie man ihn noch nicht gehört hat: in Jazzvariationen, die zum größten Teil erst im Moment der Performance entstehen.
Das Eröffnungskonzert am Freitag steht ganz im Zeichen verschiedenster Schlag- und Klangkörper. Vivi Vassileva, Schülerin Martin Grubingers am Salzburger Mozarteum, wurde unter anderem 2023 mit dem Leonard Bernstein Award des Schleswig-Holstein Musik Festivals ausgezeichnet. Manchmal bringt sie in
einem einzigen Stück neun Schlaginstrumente zum Klingen, für eine Kadenz genügen ihr zwei Plastikflaschen. Am Flügel: der schwedische Pianist Per Rundberg, Schüler von Murray Perahia und einstiger Kammermusikpartner von Dietrich Fischer-Dieskau und Martin Grubinger.
Zur Blauen Stunde am Samstag ist Mechthild Großmann zu hören, von 1976 bis 2017 Ensemblemitglied des Tanztheaters Pina Bausch und dem TV-Publikum aus dem Münsteraner „Tatort“ bekannt, in dem sie bis 2025 mit markantem Auftreten und prägnantem Timbre die Staatsanwältin gab. Sie liest Zweigs grandiose
Schilderung der letzten Stunden Maria Stuarts bis hin zum Weg aufs Schafott. Zwischen den Szenen spielt der Cellist Constantin Heise, Preisträger des Deutschen Musikwettbewerbs 2026, Werke von Bach und Ysaÿe. Und am späten Samstagabend gehört die Late Night Max Mutzke, seit seinem Nummer-eins-Hit „Can’t Wait Until Tonight“ 2004 über seinen Sieg bei „The Masked Singer“ 2019 bis heute ein Bühnenmagnet, der mit Klaus Doldingers Passport genauso aufgetreten ist wie mit der SWR Big Band oder der NDR Radiophilharmonie in der Elbphilharmonie. Nach Einbeck bringt er das Matti Klein Soul Trio mit, Soul-Jazz vom Feinsten und mit Hammondorgel-Flair – nur ohne Orgel.
„Jedes Jahr hat sein eigenes Gesicht. Die Varianz der Genres, die Zusammenstellung der Persönlichkeiten, die Dramaturgie des Wochenendes – das alles ist bewusst kuratiert“, so Julia Hansen, Initiatorin und Künstlerische Leiterin der KULTURKRAFTTAGE. „Menschen lieben Schubladen. Da weiß man, was man kriegt. Aber genau das möchte ich aufbrechen. Ich höre immer wieder von Besuchern, die für einen bestimmten Abend gekommen und dann länger als gedacht geblieben sind: ‚Dieses andere Konzert, da wären wir nie reingegangen, wenn wir nicht schon da gewesen wären, aber es war unglaublich.‘“
PROGRAMM 2027
Donnerstag, 18. März 2027, 19:00 Uhr – KULTURKRAFT-Stunde im Cosy Forum
DIETER ILG – „DEDICATION“, KONTRABASS SOLO
Der Kontrabass allein lässt einem Musiker kein Versteck, und Dieter Ilg, dreimal mit dem ECHO Jazz ausgezeichnet, hat diese Lage gesucht. „Dedication“ versammelt zwölf Stücke, die in der Improvisation entstanden und erst danach ihre Widmung bekamen: an Bach und Beethoven, Charlie Mariano und
Charles Mingus, an die eigene Mutter. Bekannte Melodien tauchen auf und gehen im Spiel wieder auf.
Freitag, 19. März 2027, 19:30 Uhr – Eröffnungskonzert in der PS.Halle, Bühnengespräch 18:30 Uhr
VIVI VASSILEVA (MULTIPERCUSSION) & PER RUNDBERG (KLAVIER) – „KLANGWELTEN FÜR
MULTIPERCUSSION & KLAVIER“
Auch im Flügel schlagen Hämmer auf Saiten: Schlagwerk und Klavier sind Verwandte. Vivi Vassileva und Per Rundberg nehmen das beim Wort. In Kalevi Ahos „Sieidi“ über Rituale und Schamanismus beginnt die Solistin auf Djembe und Darbuka, zwei Trommeln aus Afrika und Arabien, und kehrt am Ende dorthin
zurück; in der Kadenz aus Gregor A. Mayrhofers Recycling Concerto, dessen Einspielung 2026 den OPUS KLASSIK erhielt, spielt sie auf dem, was eine Konsumgesellschaft wegwirft. Dazu Werke von Thierry Deleruyelle, John Psathas und Aleksander Vladigerov, zum Schluss George Gershwin in Arrangements
von Frank Dupree.
Samstag, 20. März 2027, 11:30 Uhr – KULTURKRAFT-Talk im Foyer der Sparkasse Einbeck, Eintritt frei
RHANI KRIJA – KULTURGESPRÄCH ZUR MARKTZEIT
Geboren 1971 in Essaouira, einem Zentrum der Gnawa-Musik, hat Rhani Krija unter anderem mit Prince, Stevie Wonder, Peter Gabriel, Al Di Meola und Sarah Connor gearbeitet. In Einbeck kennt man ihn aus dem festen Matinee-Ensemble. Im Gespräch mit Frank Stefan Kimmel erzählt er, was geschieht, wenn
Rhythmen jenseits des Mainstreams in die großen Studioproduktionen aus Pop und Jazz gelangen. Zum dritten Mal mitten in der Stadt, zur Marktzeit.
Samstag, 20. März 2027, 17:00 Uhr – Blaue Stunde in der PS.Halle, Bühnengespräch 16:00 Uhr
MECHTHILD GROSSMANN & CONSTANTIN HEISE (VIOLONCELLO) – STEFAN ZWEIG: „MARIA
STUART“, MIT MUSIK VON BACH UND YSAŸE
Am 8. Februar 1587 wird Maria Stuart nach fast zwanzig Jahren Gefangenschaft in der Halle von Fotheringhay hingerichtet. Stefan Zweig hat ihren letzten Stunden ein literarisches Denkmal gesetzt, mit feinster Feder gezeichnet bis zum überwältigenden Schlussakkord: Mechthild Großmann liest aus dem Text und bringt dabei das königliche Drama in Einbeck auf die Bühne. Den musikalischen Kontrapart liefert der Cellist und Preisträger des Deutschen Musikwettbewerbs 2026 Constantin Heise mit Bachs Solosuiten Nr. 2 und Nr. 6 und dem Grave aus Ysaÿes Cellosonate; die sechste Suite schrieb Bach für ein fünfsaitiges Instrument, auf vier Saiten galt sie lange als nahezu unspielbar. Mit freundlicher Unterstützung durch den Deutschen Musikwettbewerb, ein Projekt des Deutschen Musikrats.
Samstag, 20. März 2027, 21:00 Uhr – Late Night in der PS.Halle, Bühnengespräch 20:00 Uhr
MAX MUTZKE & MATTI KLEIN SOUL TRIO
Lange saß Max Mutzke auf der Bühne hinter dem Schlagzeug, dann folgte 2004 mit dem Eurovision Song Contest der Durchbruch als Sänger. Seither: zweimal Platz eins der deutschen Charts, ein Jazz-Award in Platin, über 20 Jahre Präsenz zwischen Pop und Jazz auf den ganz großen Bühnen. In Einbeck trifft er auf ein Trio, dessen erklärter Bewunderer er ist: Matti Klein am Wurlitzer und an einem umgebauten Fender Rhodes Piano Bass von 1973, Lars Zander an Saxofon und Bassklarinette, André Seidel am Schlagzeug. Auf den Plätzen sitzen zu bleiben, ist erlaubt – leicht wird es nicht …
Sonntag, 21. März 2027, 11:30 Uhr – Matinee in der PS.Halle
HEIKKO DEUTSCHMANN, JULIA HANSEN, RHANI KRIJA, JÖRG SIEBENHAAR, THOMAS ZANDER –
„SOPHIE MEREAU UND CLEMENS BRENTANO & MOZART MEETS JAZZ“
Jena, Sommer 1798: Sophie Mereau, verheiratet, von Schiller gefördert und eine der ersten Frauen in Deutschland, die schließlich selbstständig vom Schreiben lebten, begegnet dem acht Jahre jüngeren Studenten Clemens Brentano, der sich in sie verliebt. Beider Briefe galten über hundert Jahre als „für die
Öffentlichkeit nicht geeignet“ und erschienen erst 1908 vollständig. Die Matinee bringt sie auf die Bühne – dazu Mozart, frei improvisiert bis hinein in den Jazz.
TICKETS UND VERANSTALTUNGSINFORMATIONEN
KULTURKRAFTTAGE IM PS.SPEICHER, 18. bis 21. März 2027 in Einbeck
Tickets über kulturkrafttage.reservix.de/events und kulturkrafttage.de/tickets
KULTURKRAFT-PASS für das gesamte verlängerte Wochenende, übertragbar.
Bühnengespräche zum Eröffnungskonzert, zur Blauen Stunde und zur Late Night je eine Stunde vor Beginn in der PS.Halle, im Ticket enthalten. Alle Programme ohne Pause.
